Lichtspiel hat mich von den ersten Seiten an gefesselt. Kehlmanns Prosa ist elegant, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und jede Szene trägt zu Figurenentwicklungen bei, die sich mit bemerkenswerter Subtilität entfalten. Weil der Roman den historischen Tatsachen mit großer Sorgfalt verpflichtet bleibt, wirkt die Handlung zugleich wie Fiktion und wie ein überzeugender Ausschnitt gelebter Geschichte. Anstatt moralische Urteile auszusprechen, lässt Kehlmann alltägliche Gespräche, berufliche Rivalitäten und gesellschaftliche Rituale die zunehmend monströse Verwandlung des zivilen Lebens im Dritten Reich sichtbar werden. Diese Darstellung erinnert an Stefan Zweigs Die Welt von Gestern; beide Werke stellen den kulturellen Reichtum und die Zuversicht der Friedenszeit dem geistigen Zusammenbruch des totalen Krieges gegenüber.
Die eigentliche Tragödie entfaltet sich in einer Folge, immer verzweifelterer Rechtfertigungen, während der Protagonist ein moralisches Prinzip nach dem anderen seinem künstlerischen Ehrgeiz opfert. Kehlmann gestaltet jeden einzelnen Kompromiss zunächst nachvollziehbar, doch gerade ihre allmähliche Häufung macht den Niedergang erschütternd. Aus dieser Entwicklung erwächst gelegentlich ein pechschwarzer Humor, weil die Selbstrechtfertigungen ihre eigene Absurdität offenbaren. Besonders beeindruckt hat mich die Darstellung Goebbels', dessen Umgang mit Künstlern bürokratisches Kalkül, theatralische Eitelkeit und politisches Gespür zu einer Figur verbindet, die gerade wegen ihrer Menschlichkeit verstört und nicht wegen einer überzeichneten Bosheit. Das Rätsel um den verschollenen Film verleiht der Handlung zusätzlich eine leise Spannung und bleibt dabei sorgfältig mit den historischen Quellen vereinbar.
Ich habe den Roman mit großer Bewunderung für Kehlmanns handwerkliches Können und seine historische Zurückhaltung beendet. Diese Erzählweise vertraut darauf, dass die Leserinnen und Leser die sich ausbreitende moralische Finsternis ohne aufdringliche Kommentare selbst erkennen, und gerade aus diesem Vertrauen entsteht eine außergewöhnliche emotionale Wirkung. Meine Schwester hat mir nach der Lektüre eine englische Übersetzung geschenkt, auf deren Lektüre ich mich bereits freue. Unter den historischen Romanen über das Leben von Künstlern unter einer Diktatur gehört Lichtspiel für mich zu den besten, die ich gelesen habe.
5/5 Sterne